Univ.-Lektor Mag. Dr. Karl Kumpfmüller M.A.
„WELTBILDER– Über die innere Kraft von VISIONEN“
Vortrag von Univ.-Lektor Mag. Dr. Karl Kumpfmüller M.A.
Bei aller Globalisierungsdiskussion geht es immer auch darum, den Bezug zur lokalen Nähe herzustellen. Das, was ich gelesen und gehört habe in Gesprächen in Graz mit den Initiatoren der Solidarregion Weiz, ist sehr ermutigend. Ich kann nur sehr begrüßen, dass Sie sich da so interessieren und engagieren.
Zum Thema der Visionen
Ich hatte vor zirka 15 Jahren bei einer Exkursion in die Schweiz die Gelegenheit, die Wirkungsstätte eines großen Schweizer Mannes, von dem ich nichts gewusst hatte außer seinen Namen, Nikolaus von Flüe, kennen zu lernen. In der Schweiz ist er ein Nationalheiliger. Und dieser Nikolaus von Flüe war - im besten Sinne des Wortes - ein ganz einfacher Mensch, ein Bauer, sehr religiös, der immer wieder Zeiten des Fastens ganz bewusst auf sich genommen hat, und in dieser Fastenzeit ist er tief in die Mystik eingetaucht und hatte aus dieser Mystik heraus viele Visionen. Seine ganze Theologie ist eine Theologie von Visionen. Was vielleicht auch noch interessant ist, ist die Tatsache, dass dieser einfache Bauer einen Frieden vermittelt hat in Bern, wo man nahezu an der Schwelle zum Krieg gestanden war. Es hatte große Unruhen gegeben, und da hat er einen Brief geschrieben an die Vertreter der einzelnen Landstände. Darin hat er ihnen die Leviten gelesen, sie sollten bedenken, was ein Krieg bedeute für die Armen, die Bauern, die Frauen und Kinder. Wenn man Folgen dieses Krieges überlege, wo es doch nur um die Durchsetzung von rechthaberischen Ideen und Prestige geht, dann ist er in keiner Weise gerechtfertigt. Es ist ihm tatsächlich gelungen, dass sie alle auf ihn gehört haben, sie haben die Sache friedlich beigelegt, und die Schweiz ist seither die einzige Nation der Welt, die keinen Krieg mehr geführt hat. Wenn man nachliest, was er geschrieben hat, dann versteht man, dass es Gesellschaften geben kann, die den Krieg nicht mehr brauchen, da sie die inneren Werte von Brüderlichkeit und Geschwisterlichkeit für alle Menschen miteinander leben.
Zum Thema Globalisierung habe ich bei diesem mittelalterlichen Menschen etwas gefunden, das man nicht zeitgerechter ausdrücken könnte, und ich möchte daher ein Stück daraus zitieren, nämlich die berühmte Brunnenvision:
Nikolaus hat einen Brunnen gesehen, dieser Brunnen steht vor einem großen Palast, und aus diesem Brunnen fließt Öl, Wein und Honig, „welch geheimnisvoller kostbarer Quell“. Für ihn war das ein Inbegriff der drei heiligen göttlichen Personen, Vater, Sohn und Heiliger Geist, aber zugleich stehen auch Öl, Wein und Honig für die Lebenskostbarkeiten. Wenn man bedenkt, dass er ein einfacher Bauer war, dann waren dies Gaben, die für ihn die Kostbarkeiten des Lebens repräsentiert haben. Er wundert sich daher sehr, dass er niemanden an diesem Brunnen findet. Und dann heißt es wörtlich:
„Als er hier kurz Zeit fröhlich verweilt hatte, ging er auf ein weites Feld, das von einer unzählbaren Menschenmenge besetzt war, die wie Ameisen geschäftig nach Gewinn und weltlichen Reichtümern strebten. Die einen errichteten einen Zaun, ließen niemanden ohne Zollbatzen eintreten, andere, die eine Brücke über den Fluss bauten, erpressten den Passierenden, um ein Brückengeld zu verlangen, wieder andere, die mit Flöten, Pauken und anderen Musikinstrumenten bereit standen, spielten das Stück nicht an, bevor ihnen ihr Lohn vorausbezahlt war. Nikolaus erkannte, dass dies die menschliche Nichtigkeit bedeutet, dass alle, die nur ihren privaten vorübergehenden Vorteil suchten, vom Besuch der vorher genannten Quelle abgehalten werden und ins Verderben gehen.“
Er hatte das Bild vor sich: Der überreiche Brunnen, der alle Kostbarkeiten des Lebens in sich birgt, auch die geistlichen Kostbarkeiten, wird nicht beachtet, weil die Menschen keine Zeit dafür haben, weil sie den niedrigen Dingen des ständigen Gelderwerbs und der Vermehrung von Reichtum nachgehen und von der Quelle abgehalten werden und ins Verderben gehen. Dieses Bild ist ein sehr klares, mittelalterliches Bild, manichäisch, eindeutig in der Aussage.
Mir fällt dieses Bild ein, wenn ich mich mit neuen Zahlen, neuen Dimensionen der Globalisierung beschäftige. Sie können auch den BAWAG-Skandal hernehmen oder den jüngsten Beschluss des Aufsichtsrats der Deutschen Bank, wo festgelegt wurde, dass der Vorstandsvorsitzende Ackermann das 266-fache dessen erhalten soll, was ein durchschnittlicher Angestellter als Entlohnung bekommt. Wenn Sie es also in die Vorstandsetage der Deutschen Bank geschafft haben, dann ist ihre Arbeit offensichtlich 266 mal mehr wert als die eines durchschnittlichen Angestellten, der genauso seine 40 - 60 Stunden arbeitet. Bisher war es üblich, in der Deutschen Bank das 40-fache dem Vorstand zu zahlen, jetzt ist es das 266-fache, unvorstellbar! Das sind dann Jahresgehälter, die bewegen sich jenseits von € 10 Millionen, und Herr Ackermann sagt, dass ist noch gar nichts, in Amerika verdienen meine Kollegen € 30 Millionen und mehr.
Auf der anderen Seite verlieren ganz viele Leute ihre Arbeit genau bei diesen Firmen. Die Manager sagen, es geht leider nicht, dass wir die bisherige Zahl der Mitarbeiter halten, weil unsere Profitrate ist momentan nach Steuern 9,5%, aber amerikanische Banken geben 25% vor, wir müssen auch 25% erreichen, daher müssen wir bei einem Gewinn von 5 Milliarden 2.000 Mitarbeiter in den nächsten zwei Jahren abbauen und entlassen, weil wir nur so profitabel sind und noch wettbewerbsfähiger werden müssen, anders können wir nicht international konkurrieren. Und auf den Einwand, ob dies nicht unsozial sei, sagt Ackermann in einem Interview im Spiegel sinngemäß: Für mich heißt sozial sein, wettbewerbsfähig sein, erst wenn ich wettbewerbsfähig bin, dann kann ich daran denken, sozial zu sein.
Es handelt sich hier um einen peinharten Verdrängungswettbewerb auf globaler Ebene. Ich möchte Ihnen an dieser Stelle einen Film über diesen Wettbewerb zeigen:
Aussagen aus dem Dokumentarfilm (ZDF, frontal 21):
* 300 Mitarbeiter einer gut gehenden Firma werden entlassen, mit Leiharbeitern soll der Gewinn gesteigert werden
* Ein Mitarbeiter glaubte, einen sicheren Job zu haben, denn die Firma machte jedes Jahr hohe Gewinne. Die Firma hat den Geschäftsbericht mit den Gewinnen den Mitarbeitern gezeigt, denn diese waren auch beteiligt. Mitarbeiter: „Ich hätte nie gedacht, dass ich gekündigt werde.“
* Betriebsrat hat mit Geschäftsführung einen Deal gemacht, jeder 5. soll entlassen werden. Ein Betriebsrat veröffentlicht diese Pläne im Internet, indem er auf die drohende Massenentlassung trotz eines Gewinnsprungs von 43% aufmerksam macht, er organisiert Widerstand. Die Folge: Der Betriebsrat wurde entlassen.
* Topkonzerne aus dem DAX fahren Spitzengewinne ein (2004). Um noch profitabler zu werden, gibt es aber Stellenabbau.
o Deutsche Bank: Gewinn: 2,5 Milliarden, das reicht der Bank nicht, über 1900 Stellen werden abgebaut.
o Telekom: trotz 4,6 Milliarden Gewinn geht der jahrelange Stellenabbau weiter (42.000 Stellen gingen bisher verloren)
o RWE: Gewinn: 2,1 Milliarden, 2300 Arbeitsplätze gestrichen.
* Gewerkschaftschef Sommer: „Der jahrelange Lohnverzicht hat mitgeholfen, die Profite zu steigern, anstelle der Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze werden diese abgebaut.“ Die Gleichung – mehr Profit bedeutet mehr Gewinne und die Schaffung neuer Arbeitsplätzen – stimmt schon längst nicht mehr.
* Die Steuern gehen ins Ausland. Nach dieser Logik handeln selbst mittelständische Unternehmen.
* Die Löhne sinken, Vergünstigungen werden gestrichen. Das Ziel ist eine 17 % Kapitalrendite.
* „Wenn es einem Unternehmen gut geht, dann geht es der Belegschaft auch gut – das stimmt einfach nicht mehr. Sondern wenn es einem Unternehmen gut geht, dann will es noch mehr, und die Leute sollen auf noch mehr verzichten.“
* „In den letzten Jahren hat sich das Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit geändert. Kapital geht an andere Standorte, dorthin wo 2-stellige Renditen erreicht werden. Solche Renditen lassen sich mit teuren deutschen Arbeitskräften kaum mehr erzielen, wohl aber im Ausland.“
* „Soziale Verantwortung scheitert am Weltmarkt. Was den Menschen bleibt ist der Protest.“
Sie kennen selbst das eine oder andere Beispiel, weil diese Politik auch bei uns immer mehr um sich greift. Sie verstehen die Logik dahinter - das ist das Wichtigste - die sagt, es genügt nicht mehr, 6 % Gewinn zu haben und mit diesen 6 % weiter zu wirtschaften, weiter zu beschäftigen und weiter zu produzieren, und damit auch wieder Konsum und Einkommen zu schaffen für andere. Dadurch, dass der internationale Wettbewerb so erleichtert wurde, immer mehr Barrieren und internationale Schutzzölle abgebaut worden sind, hat man versprochen, dass immer mehr wirtschaftlicher Reichtum und Beschäftigung entstehen wird. Aber genau, weil dies geschehen ist, ist jetzt die Konkurrenz am Weltmarkt so brutal, dass jede kleine Firma bereits betroffen ist, dass sie immer genau kalkulieren und schauen muss, wie kann sie noch mehr den Profit steigern, damit neues Aktienkapital angezogen wird. Es ist ein System entstanden, das sich selbstständig gemacht hat, das als Ganzes von niemandem mehr gesteuert oder dirigiert werden kann. Es ist vielmehr ein System, das in der Eigenkonkurrenz - jeder gegen jeden - sich ständig nach oben schraubt, in ungeahnte Höhen. Wenn man ernsthaft diskutiert, erfährt man, dass auch Bankenvertreter selbst nicht wissen, wo es da eine Grenze gibt.
Je mehr konzentriert wird, desto härter wird der Wettbewerb. Es genügen heute nicht mehr Gewinne von 15 %, sondern bei den Banken liegt die Latte bei 25 %, das heißt, genau deswegen müssen Leute entlassen werden. Ihre Manager sagen, viele Arbeiten, die bisher manuell geschehen sind, können wir an Computer übertragen. Wir können uns nicht kümmern um die Sozialfälle, deren Familien, deren Angehörige. Das ist im System nicht drinnen, das soll besser der Staat machen.
In den USA machen dies die Kirchen in riesigen Armenausspeisungen, in San Franzisko z.B. teilen Priester 20 - 25.000 Mahlzeiten im Tag aus, gekocht von den Abfällen, die in Supermärkten gesammelt werden. Die Zahl der Armensuppen-empfänger steigt ständig, und das im reichsten Land der Welt - einfach absurd, wenn man das so sieht.
Die ersten Jahrzehnte nach dem II. Weltkrieg bei uns war eine Zeit von Not, Knappheit und Sparen, wir hatten dennoch genug zu essen und wir konnten Ausbildungen machen. Es hat ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 7 % gegeben, und wenn ich mir diese Zahlen als Nationalökonom anschaue, so bedeutete dies alle 10 Jahre eine Verdoppelung unseres Bruttosozialproduktes. Eigentlich müssten wir jetzt in einer Situation sein, dass wir alle genug hätten und alle zufrieden sein könnten. Viele müssten sagen, wenn ich das behalten kann, was ich jetzt habe, dann bin ich zufrieden. Ich habe eine gute Beziehung, ich habe Kinder, die mir Freude machen, und ich habe mein Leben lang gearbeitet, ich möchte nur haben, dass es den Leuten nicht schlechter geht.
Die Fachleute sagen, es bleibt aber nicht so, der Wettbewerb geht weiter und das heißt Verdrängung und Vernichtung von bisher Geschaffenem und Erreichtem in einem ungeahnten Ausmaß. Immer größere Teile unserer Gesellschaft können nicht mehr an diesem Wachstum, an diesem hohem Einkommen teilhaben, sie scheiden aus dem Markt aus, sie scheiden aus dem Mittelstand aus, sie verarmen und gehören zu den inzwischen 30 % in Österreich, die man zu den Wohlstands- und Systemverlierern zählt. 1 Million Österreicher sind heute schon akut armutsgefährdet. Sie werden nie mehr eine Chance haben aufzusteigen. Alle Prognosen sagen, dass diese Zahl noch rapid größer werden wird. Der Verarmungsprozess wird noch schneller voranschreiten.
Bisher konnte man in Österreich sagen, wir können diese Arbeitslosen und Verlierer durch unseren Sozialstaat versorgen. Es gibt eine funktionierende Kranken- und Pensionsversicherung, es wird noch ein gewisses Grundauskommen garantiert, und der Staat kann das Ganze irgendwie noch schaffen. Aber ich möchte zu bedenken geben: Seit mehr als 20 Jahren geht dies nur, indem man von der Substanz nimmt, durch eine immer gigantischere Verschuldung. Alle, die öffentliche Verantwortung tragen, sagen: Eigentlich können wir das Ganze schon längst nicht mehr zahlen, weil wir ganz einfach das Geld nicht mehr haben. Wenn ich mir die Bilanzen der Gemeinden, der Länder, des Staates ansehe, erkenne ich, dass sie alle in den letzten 20 Jahren weit über ihre Verhältnisse gehende Schulden angehäuft haben. Alle entsprechenden Kurven zeigen exponentielle Steigerungen. Wir haben einen Verschuldungsstand erreicht - nicht nur in den armen Ländern, den sogenannten Entwicklungsländern, sondern gerade auch in den reichen Ländern, in den USA, in Europa - , der unvorstellbar ist. Man weiß bereits jetzt, dass man diese Schulden niemals zurückzahlen können wird. Das bedeutet konkret, dass immer größere Anteile an den Einnahmen des Staates sofort wieder an die Banken gehen, bei denen diese Kredite aufgenommen worden sind. Es geht davon nichts mehr direkt in die Volkswirtschaft, es geht nicht mehr in die sozialen Netze, nicht mehr zu den Pensionen, sondern es fließt sofort wieder zu den Banken zurück.
Die Banken haben die internationale Vorgabe von 25% Rendite und sie können nicht sozial sein, sie sind auch keine sozialen Institutionen. Das wäre die Rolle des Staates, der ist aber enorm verschuldet. Dieses Dilemma ist nicht lösbar. Ich sehe hier keine Lösungen, wie dies wieder zurückgeführt werden kann.
Die Frage ist, was steckt hinter diesem Ausverkauf, der Verschuldung bereits der nächsten Generation, die mit dem Erbe eines riesigen Schuldenberges konfrontiert sein wird? Wir scheinen immer mehr auf verlorenem Posten zu stehen, und die gesamte Internationale Wirtschaft zeigt eine ganz negative Entwicklung, sie geht in eine Situation über, wo sie versagt. Sie kann die weltweite Armut nicht wirksam bekämpfen und sie kann in den reichen Ländern die Arbeitsplätze nicht mehr aufrecht erhalten, weil sie angeblich zu teuer sind. Obwohl ohnehin ein ständiges großes Lohndumping stattgefunden hat und alles damit an Errungenschaften in den letzten 30 - 40 Jahren erreicht werden konnte, auf die wir so stolz sind, reicht das heute nicht mehr aus, weil es ganz einfach nicht noch höhere Gewinne bringen kann. Ein Grund mehr nach Osteuropa, nach Ostasien zu gehen, in immer niedrigere Billiglohnländer, in denen es so gut wie keine Sozialstandards gibt. Der ganze Globalisierungsprozess ist ein ständiger Abbau von sozialer Sicherheit und ist völlig konträr zur großen Vision eines Adam Smith, der die theoretischen Grundlagen für dieses System geschaffen hat.
Es ist die Grundidee, dass jeder Mensch durch Eigenverantwortung, Eigeninitiative und Nutzung seiner Intelligenz (prudence) so handelt, dass er für sich ein Stück Wohlstand schafft, in einer gesunden Konkurrenz zum Nächsten. Viele Millionen schaffen so den „Reichtum der Nationen“. Der Staat soll am Besten nicht eingreifen, nicht zuviel kontrollieren - es war dies die Zeit des Feudalstaates (1776), der Fürst oder der König hatte alle Macht. Befreiung war daher das große Motto, der Einzelne muss auf seine eigene Kraft, seine Intelligenz vertrauen, dann wird eine unsichtbare Hand alles regeln und alle zum Wohlstand führen. Die Gemeinschaft, der Staat wird auf ein Minimum reduziert. Er soll sich darauf beschränken, dass die Gesetze von Anständigkeit, von Fairness, von Vertragstreue (justice) eingehalten werden. Er muss nicht sozial sein, nicht ausgleichend, es gleicht sich alles von selber aus.
- Was geschieht dann mit den Armen? Die Armen, wenn sie in dieser Situation der persönlichen Freiheit und Verantwortung sind, wenn sie sehen, dass da viel zu holen ist, werden sich besonders anstrengen, damit werden sie den Reichen ernsthafte Konkurrenz bieten und dann werden es auch von selbst schaffen, wohlhabend zu werden. Bis dahin könnten sie auf ein weitere Tugend vertrauen, der benevolence, dem Wohlwollen, der Güte, der Wohltätigkeit der Mitmenschen. Wenn man religiös ist und moralisch handelt, muss der Enzelne wohltätig sein, nicht der Staat.
Auf diesem System hat das ganze angelsächsische Wirtschaftssystem aufgebaut und ist sehr erfolgreich gewesen in England und Amerika, später auch in Europa. Heute ist beinahe die ganze Welt dieser Ideologie verhaftet, möglichst viel Freiheit zu haben, möglichst viel Selbstverwirklichung zu praktizieren, und wir haben dabei übersehen, wenn in diesem System die Moral aus welchen Gründen auch immer nicht mehr so gut funktioniert (wenn einige Mitbewerber keine Großzügigkeit und Mildtätigkeit praktizieren), dann haben die Egoisten einen enormen Wettbewerbsvorteil, dadurch auch mehr Kapital, und dann sind sie immer einen Schritt voraus - sie bestimmen das Geschehen.
Es ist dadurch eine Welt gigantischer Ungleichheiten entstanden: wenigen Reichen steht ein Heer von Armen und Ausgebeuteten gegenüber. Es fehlen Hunderte Milliarden von Beträgen, um die Armut wirkungsvoll zu bekämpfen. Die 0,3 % des BNP, die wir in die armen Länder transferieren, helfen nicht, sondern verschärfen die Krise enorm, denn dadurch werden zum Großteil nur Zinsleistungen dieser Länder an die reichen Nationen zurückgezahlt. Allein der Schuldendienst der Entwicklungsländer beträgt jährlich 150 Milliarden Dollar, die gesamte Entwicklungshilfe, Katastrophenhilfe und private Hilfe macht hingegen lediglich $ 70 Milliarden weltweit aus. Die Länder zahlen also mehr als das Doppelte zurück, was sie an Entwicklungshilfe bekommen, mit der sie die Armut und den Hunger bekämpfen sollten. Es ist ein ständiger Aderlass von Arm zu Reich.
Die große Vision von Adam Smith hat sich nicht erfüllt. Dieses System hat zweifellos Vieles an Technologie, Mobilität, Fortschritt und eine ungeheure Fülle an Angeboten mit sich gebracht, aber nur für eine geringe Zahl und zu einem sehr hohen Preis. Der Preis, den Viele zahlen, ist Vernichtung und Zerstörung, einschließlich der Selbstzerstörung. Das ist das Fatale an der Smithïschen Vision von wirtschaftlicher Freiheit und Selbstverwirklichung.
Was sind Alternativen? Wo gibt es Auswege?
1. Eine friedliche Gesellschaft muss eine teilende Gesellschaft sein.
Das reine Geldprinzip wird immer mehr zum Gottersatz (Mammonismus)
(Hinweis auf das Evangelium: „Du kannst nicht Gott und dem Mammon dienen“), d. h. meine ganze Sicherheit baue ich auf Geld auf, meine ganzen Beziehungen, meine Familie, mein ganzes Glück usw. Wenn ich sage, je mehr Geld desto mehr Freiheit, desto mehr Unabhängigkeit, desto mehr Glück, dann geht alles in Konkurrenz zueinander, in einen Krieg aller gegen alle, letztlich in eine Zerstörung. Es geht auch wirklich in einen physischen Krieg - wenn man sieht, was Amerika zur Zeit macht - die USA als reichste Nation führt die meisten Kriege. Es geht um die Verteilung und Verteidigung von Reichtum, es geht um Expansion, neue Märkte, es geht um neue Versorgung, um Öl ...
Wir könnten eine friedliche Gesellschaft werden, wenn wir wieder eine teilende Gesellschaft werden, eine mitteilende, eine einander zuwendende, eine aneinander Anteil nehmende Gesellschaft. Das haben Christen an und für sich ins Stammbuch geschrieben, es geht nicht, dass die einen so viel haben, und immer noch mehr, und automatisch immer noch mehr, und die anderen bekommen überhaupt nichts - oder es wird ihnen noch das Wenige genommen. Es ist unheimlich problematisch, dass wir uns schon damit abgefunden zu haben scheinen und sagen, es ist einfach so. Das Leben ist hart.
Es wäre aber so wichtig, dass wir ganz klar sagen, wo ist ein Genug, wo ist ein Limit von Einkommen, wo ist ein Limit von Besitz. Ich verstehe z. B. überhaupt nicht, dass es nicht ein Gesetz gibt, dass es ab einer gewissen Größe von Grundbesitz verbietet, noch mehr Grund zu erwerben. Warum kann jemand grenzenlos Grund kaufen, und den anderen bleibt nichts mehr. Diese werden verdrängt, abgetrieben, aber kein Gesetz verbietet, dass dieser Grund nicht von jemandem erworben werden darf, der schon 500.000 ha hat. Man wendet sofort ein, das wäre eine Einschränkung von Freiheit, Selbstverwirklichung, von Eigentumsrechten, und man vergisst dabei, dass das Eigentumsrecht als ein Schutzrecht im alten Rom entstanden ist, um die kleinen Besitzer zu schützen gegen die Willkür der reichen Patrizier. Mühsam haben die Plebejer erreicht, dass der Besitz, die possesio, zu einer proprietas, d. h. zu einem absoluten Besitzrecht geworden ist, das auch der Kaiser nicht anrühren konnte.
2. Es gibt ein Maß der Beschränkung, ein Prinzip der Genügsamkeit in allen Weltreligionen, ein Ideal des genügsamen Auskommens und der Bescheidenheit, eine Kardinaltugend in der christlichen, aber auch konfuzianischen und buddhistischen Tradition. Wo ist dieses Ideal geblieben, wo gilt dieses Prinzip heute z. B. bei den Einkommen?
3. Steuergerechtigkeit:
Es gibt keine Steuergerechtigkeit. Die einfachen Einkommensbezieher zahlen heute 81% aller Steuern, während die Superreichen im Durchschnitt nur 12% der Steuerlast tragen. Dem Staat bzw. der Gemeinschaft werden dadurch enorme Mittel entzogen.
4. Ausbau der direkten Demokratie:
durch Vernetzung eine Gegenbewegung. Die repräsentative Demokratie vertritt in erster Linie die Reichen, die sich ihre Privilegien durch Lobbying sichern. Allgemeine Gerechtigkeit ist nicht ihr Ziel, durch direkte Demokratie kann man mehr verändern, durch die Vernetzung einer Gegenbewegung entsteht so etwas wie „eine Globalisierung an der Basis“. Diese wird das Antlitz dieser Erde verändern.