Erwin Stubenschrott, Geschäftsführer KWB

„Wirtschaft und/oder Ethik!“

Impulsreferat von Erwin Stubenschrott

 

„Sie müssen sich entscheiden, entweder Wirtschaft oder Ethik!“

 

- Mit dieser Frage konfrontierte vor einigen Jahren ein Professor zu Beginn einer Vorlesung seine StudentInnen.

Für mich stellt sich diese Frage nicht. Wirtschaft ohne Ethik kann auf Dauer nicht funktionieren. Ethik muss eine Grundhaltung und die Basis jeder Handlung, auch in der Wirtschaft sein.

Was versteht man in der Wirtschaft überhaupt unter Ethik? Sehr oft höre und lese ich das Wort Ethik im Zusammenhang mit der Sicherung des Wirtschaftwachstums = Sicherung der Arbeitsplätze?

Aus meiner Wahrnehmung ist der Begriff bzw. das Wort WIRTSCHAFT eher negativ besetzt. Sooft wir die Tageszeitungen öffnen werden wir bereits auf den ersten Seiten mit Schlagwörtern wie Wirtschaftswachstum, Wirtschaftskriminalität, Marktwirtschaft, Verwirtschaften, etc konfrontiert. Der Moloch Wirtschaft scheint uns global in eine eiserne Umklammerung genommen zu haben. Dabei kann Wirtschaft auch sehr positiv besetzt sein. Ich wohne auf einer kleinen Biolandwirtschaft, wir betreiben diese nach ökosozialen Gesichtspunkten. Im Kreislauf, nachhaltig, im Sinne unseres Auftrages für künftige Generationen. Übrigens wurde der Begriff der Nachhaltigkeit im Bereich der Forstwirtschaft geprägt. Dort versteht man unter Nachhaltigkeit die Tatsache, dass aus dem Wald nur so viel Holz entnommen wird, wie in derselben Zeit wieder nachwachsen kann.

 

Im Duden findet man unter dem Begriff Ethik folgende Erklärung:

„ Ethik ist die Gesamtheit der sittlichen und moralischen Grundsätze einer Gesellschaft oder Person“. Auf Unternehmen bezogen, welche Unternehmen sind/handeln dann unethisch?

„ Unethisch sind Unternehmen bzw. Emittenten, die Menschenrechte missachten, in Drogengeschäfte, Prostitution, Menschenhandel oder Militär- und Nukleartechnologie involviert sind und gefährliche Produkte, Dienstleistungen und Technologien herstellen, einsetzen oder vertreiben“. So zumindest die Definition eines „Ethikkomitees“.

Für mich ist das eine sehr globale und weite Darstellung. Ethik beginnt bereits im Kleinen, bei jedem von uns. Jeden Tag müssen wir uns fragen, ob wir im Sinne der Ethik handeln.

Momentan ist es zur Mode geworden, sich in der Weltwirtschaft den Mantel der Ethik umzuhängen. Ethik wird salonfähig. Damit kann man gute Geschäfte machen. Ethikfonds gehören zurzeit zu den beliebtesten und ertragreichsten Wertanlagen.

Die Anleger erwarten eine Rendite von 7-9 % und mehr. Frau Dr Elisabeth Höller, die so genannte Mutter heimischer Ethikfonds hat den Ausspruch geprägt:

 

„Ethik stört niemand, wenn die Performance stimmt!“

 

 

Wir haben im Jahre 1994 zu siebent die Firma KWB - Kraft und Wärme aus Biomasse GmbH - mit dem Ziel, die Energieversorgung der Menschheit auf erneuerbare Energie umzustellen, gegründet. Im ersten Jahr waren wir operativ zu dritt tätig und verkauften 37 Hackschnitzel-anlagen. Inzwischen beschäftigen wir am Standort in St.Margarethen/Raab über 140 Menschen; in unseren Tochterbetrieben in Slowenien, Italien und Deutschland weitere 60 MitarbeiterInnen. Alleine im heurigen Jahr werden wieder 100 dazukommen. Im Wettbewerb werden wir uns in den nächsten Jahren nicht mehr „nur“ mit den ca. 20 heimischen Anbietern messen, sondern mit global tätigen Riesen wie Shell, Viessmann oder Buderus.

Shell ist weltweit einer der größten Besitzer von Energieholzplantagen, einer der größten Erzeuger von PV Elementen, Exklusiv- Importeur von Pelletkaminöfen in Dänemark - diese werden übrigens von einem österreichischen Hersteller geliefert - Hersteller von Treibstoff aus nachwachsenden Energiepflanzen, Anbieter von Windrädern, etc.

Diese Global Player, wie sie genannt werden, haben die Chance erkannt, sich im Bereich der Erneuerbaren Energie zu etablieren um damit viel Geld zu verdienen.

 

Unsere Kernkompetenzen liegen im Bereich der Forschung und Entwicklung, des Vertriebes, beim Kundendienst; im wörtlichen Sinn. Die einzelnen Bauteile der Heizkessel werden bei uns entwickelt und dann großteils an heimische Erzeuger zur Produktion vergeben. Der Zusammenbau, die Qualitätskontrolle, die Auslieferung, etc erfolgen wieder bei KWB.Von unseren insgesamt 420 Zulieferbetrieben kommen 386 aus Österreich, Deutschland und der Schweiz. Die inländische Wertschöpfung liegt inklusive der Brennstoff-bereitstellung durch die Land- und Forstwirtschaft sowie der Holzindustrie bei über 85 %. Dasselbe Szenario mittels Öl- oder Gasheizungen würde die Wertschöpfung, Schaffung von Arbeitsplätzen, etc auf 1/10 reduzieren. Es gibt kaum inländische Öl- und Gaskesselerzeuger, zusätzlich müssen 85 % der fossilen Energieträger aus Krisenregionen importiert werden.

Von den bereits nicht mehr finanzierbaren Klimaschäden, mit verursacht durch die Verbrennung fossiler Energieträger, ist da noch gar nicht die Rede.

Im Wirtschaftsjahr 2006 werden wir ca. 7.000 Stückholz -Hackgut und Pelletheizungen verkaufen und liefern. Bei diesen Stückzahlen wirkt sich jeder Prozentpunkt einer billigeren Beschaffung der Bauteile direkt auf das Betriebsergebnis aus. Im Klartext heißt das: Billiger einkaufen heißt höheren Gewinn zu lukrieren.

Das verleitet natürlich dazu, neue Beschaffungsmärkte näher zu betrachten.

 

Ein persönlich sehr geschätzter, langjähriger Berater rät uns dazu, die GmbH in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln und dann an die Börse zu gehen. Für einen Ökonomen eine klare Sache, die betriebswirtschaftlichen Vorteile sprechen bei einer raschen Betrachtung dafür. Nach Ansicht dieses Fachmannes könnte man mit diesem Schritt eine Unmenge an Kapital in die Firma holen und damit, wie auch meine Partner meinen, die Zukunft der Firma auch in schwierigen Zeiten sichern.

Ich habe nach zweimonatiger Prüfung für mich eine klare Entscheidung getroffen.

 

KEIN GANG AN DIE BÖRSE!

 

Unsere Vision lautet „Wir geben Energie für´s Leben!“

Dahinter verbirgt sich für uns wesentlich mehr, als man zuerst meinen könnte.

Es geht um ein gemeinsames Geben und Nehmen. Das Gleichgewicht zwischen Körper, Geist und Seele muss stimmig sein. Es bedeutet: Positive Energie, Luft zum Atmen, Lebensfreude, Nachhaltigkeit, ökonomisch, ökologisch und sozial handeln, Leben erhalten, eine Basis für unsere Kinder schaffen.

Wesentlich genauer werden diese Grundsätze in unserem Leitbild - www.kwb.at - erläutert.

Ich musste bei meinen Recherchen feststellen, dass sich viele der börsennotierten Firmen der ökonomischen Wirtschaft ausgeliefert haben. Sobald „fremde“ Aktionäre das Sagen haben, ändert sich zwangsweise die Firmenkultur. Der Konzernchef von VW, Bernd Pischetsrieder, hat vor kurzem bekannt gegeben einen weiteren drastischen Sparkurs zu fahren. Dies, obwohl im Jahr 2005 der operative Gewinn um 70 % auf 2,8 Milliarden Euro gestiegen ist. An der Börse wurde die Nachricht mit Jubel aufgenommen. Die VW-Aktie schoss um mehr als 9 % nach oben. Dass auf der anderen Seite durch diese Maßnahme 20.000 Arbeitsplätze gefährdet sind, kümmert die Aktionäre recht wenig.

Für mich würde bei einem Gang an die Börse die Seele unserer Firma geopfert!

Im Jahr 2003 ist die 5. Auflage des Bestsellers „Das neue Schwarzbuch der Markenfirmen“ mit neuen Fakten auf den Markt gekommen. Dabei werden Markenfirmen wie Adidas-Salomon AG; Aldi/Hofer, C&A Modekaufhaus; Chiquita Brands International Inc., Coca Cola; Nestle; Agip; BP; OMV; Shell, je nach Branche, Umweltzerstörung, Ausbeutung, Kinderarbeit, Verletzung von Gewerkschaftsrechten, sexuelle Belästigung in Zuliefer-betrieben, Einsatz von gefährlichen Pflanzenschutzmitteln, etc vorgeworfen.

Diese Konzerne erzielen Gewinne in unvorstellbarem Ausmaß, sehr oft zu Lasten der Umwelt und der Menschenrechte. Allein die Ölkonzerne erwirtschaften zurzeit einen Gewinn von

$ 100 Millionen /Tag. Der Wert global tätiger Firmen wird vom Bekanntheitsgrad und Image der Marke bestimmt, im Extremfall bis zu 98 %. Shell rühmt sich zum Beispiel für seine ökologische und soziale Vorreiterrolle. Wird die Marke beschmutzt, leidet das Image. Dies hat dann sehr oft katastrophale wirtschaftliche Auswirkungen.

Wir als Firma KWB befinden uns inzwischen mitten in diesem globalen Prozess. Ein uns bekannter Geschäftsmann hat uns vor kurzem angeboten, für uns eine Teile-beschaffung aus Indien einzuleiten. Im erstem Moment sehr verlockend. Viele der großen Marktteilnehmer haben ihre wesentlichen Beschaffungsmärkte in den Billiglohnländern Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa. Betrachtet man die Stundensätze, die soziale und rechtliche Absicherung der Menschen, so wird einem sofort klar, wieso bekannte Weltmarken damit Folter, Sklaverei, Umweltzerstörung, Tierquälerei, etc in Kauf nehmen. Bei uns in Österreich kostet eine Arbeitsstunde im Bereich der Produktion zwischen 15 und 25 Euro. In Tschechien kostet dieselbe Stunde 6 Euro, in der Slowakei 4 Euro, in China 0,5 Euro, in Indien 0,4 Euro und in Korea 0,06 Euro. 0,06 Euro entspricht 1/237 der Kosten im Vergleich zu Österreich. Die Qualität der Produkte aus diesen Billiglohnländern wird immer besser, die Transport-kosten spielen bei großen Mengen und den im Verhältnis noch immer niedrigen fossilen Treibstoffpreisen eine untergeordnete Rolle.

Dem gegenüber steht eine klare und eindeutige Aussage in unserem Leitbild:

„ Wir lehnen die Fertigung unserer Produkte unter Bedingungen für die Arbeitskräfte, die nicht dem westeuropäischen arbeitsrechtlichen Standart entsprechen, ab!“

Wir versuchen unsere Vision, unser Leitbild zu leben. Dies beginnt in der obersten Etage. Eine gute Firmenkultur kann sich nur dann entwickeln, wenn die Führungsmannschaft mit gutem Beispiel vorangeht. Das heißt nicht, dass wir immer perfekt sind. Wir sind alle Menschen und wollen dies auch in Zukunft bleiben. Eine Firmenkultur kann nur dann gelebt werden, wenn die Wertewelt stimmt. Ohne ethische und soziale Werte gibt es keine gute Firmenkultur. Dabei spielen weniger die Leistungswerte, sondern eher die moralischen Werte, sowie die Kooperations- und Kommunikationsbereitschaft eine Rolle. Wir alle wollen überall mitbestimmen. Wie sieht es mit der Bereitschaft der Mitverantwortung aus? Jede Person in unserer Firma muss für sich und seinen Arbeitsplatz selbst Verantwortung mit übernehmen. Ich halte nichts von den alten Spielchen, vom bösen Unternehmer und den armen, ausgebeuteten ArbeitnehmerInnen. Nur gemeinsam können wir unsere Werte leben. Dazu muss jedoch alle Information fließen. Wir müssen offen und transparent sein, die Kommunikationskultur muss stimmen. Ich kann nur Verantwortung für etwas übernehmen, wenn ich die Fakten und Hintergründe kenne. Transparenz bedeutet gleichzeitig auch Wertschätzung gegenüber den MitarbeiterInnen.

Aus meiner persönlichen Erfahrung weiß ich dass ein Großteil der Menschen bereit ist Verantwortung zu übernehmen. Besonders die jungen Menschen suchen eine Herausforderung und sinnstiftende Arbeit. Ich sehe es als meine bzw. als Aufgabe der Geschäftsleitung an, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich die MitarbeiterInnen wohl fühlen und die entsprechende Wertschätzung erfahren.

Der tägliche Umgang mit den MitarbeiterInnen - das Leben der Werte mit allen Konsequenzen - unterscheidet Alltagstäter von Sonntagsredner. Ethische Grundsätze im alltäglichen Leben ehrlich umzusetzen, ist eine besondere Herausforderung. Zum Beispiel, wenn es darum geht, Menschen mit körperlichen oder geistigen Gebrechen einzustellen, oder bei der Entlohnung von Frauen; auch dann, wenn es um messbare Leistung geht. Integrieren wir so genannte „schwache“ MitarbeiterInnen im Bewusstsein, dass sie bei einer Kündigung kaum wieder eine Arbeit finden? Sind wir bereit soziale Verantwortung zu übernehmen, oder ist dafür der Sozialstaat zuständig? Sind wir bereit unsere Teile nur von Lieferanten bzw. Erzeugern zu bestellen, welche unserem Leitbild entsprechen? Auch wenn ein und dasselbe Teil aus einem Billiglohnland um 30 % oder 50 % billiger ist? Sind sie als Kunde bereit, für ein Produkt derselben Leistung mehr zu bezahlen, wenn sie wissen, dass sie damit ein „ethisch sauberes“ Produkt kaufen? 85% der KonsumentInnen wollen biologische Lebensmittel. 5 bis 8 % kaufen sie tatsächlich!

Die größte Macht hat der Konsument, jeder von uns kann durch sein persönliches Einkaufs- und Konsumverhalten in der Region seinen persönlichen Beitrag leisten.

80 % des Steueraufkommens wird in Österreich von den Klein- und Mittelbetrieben geleistet. Sie sind der Wirtschaftsmotor, sie schaffen die meisten Arbeitsplätze. Diese Betriebe sind weitestgehend in der Region verwurzelt, und wandern nicht bei jeder finanziell lukrativen Möglichkeit ab. Ein neuer Arbeitsplatz in einem global tätigen Konzern zerstört zwei bis drei Arbeitsplätze bei den Klein- und Mittelbetrieben!

Nach dem Motto „global denken und lokal handeln“ haben wir die Möglichkeit die Zukunft mit zu gestalten. Mir persönlich gefällt dazu der Spruch von Hans Fallada sehr gut:

„ Vergangenes kann man nicht ändern, aber sich kann man ändern - für die Zukunft“