Franz Wolfmayr, Geschäftsführer Chance B

Aber das Leben findet hier statt

 

Franz Wolfmayr, strategischer Geschäftsführer der Chance B

Herausforderungen und Ansätze für die Organisation unseres sozialen Lebens in der Regionm

Herr Dr. Kumpfmüller hat in seinem Vortrag ein sehr deprimierendes Bild über die Entwicklung der Welt gezeichnet. Ich hoffe, ich kann Ihnen doch einige Visionen zeigen, die wir in Gleisdorf in der Chance B verfolgen. Wie Sie alle wissen kann man immer sagen, um Gottes willen, wir haben keine Chance mehr, oder wie der Frosch, der in den Milchtopf gefallen ist, treten und alleine das Treten gibt das Gefühl etwas tun zu können.

Wenn das Treten auch tatsächlich zu besseren Lebensbedingungen führt, dann ist das sehr zufriedenstellend.

Leben in einer veränderten Gesellschaft

 

Hier sitzen viele Menschen im mittleren Lebensalter. Ich kann sie beruhigen, die Zukunft für Sie in der Steiermark ist topp. Wir haben in den letzten Jahren für ältere Menschen tausende Wohnheimplätze gebaut mit Wohnbauförderungsmitteln.

 

Wenn ich allerdings so herumschaue, frage ich mich, wie viele von Ihnen jetzt auch tatsächlich beruhigt sind. Denn, wenn ich Menschen meiner Generation frage, ob sie dann in so einem Wohnheim leben wollen, sagen mir fast alle, dass sie hoffen, dass sie ein Wohnheim nicht brauchen.

 

Das ist eine typische Problemstellung, wie wir sie in der Chance B oft vorfinden: es gibt zwar Angebote, aber sie decken sehr oft nicht unsere Bedürfnisse. Es gibt eine Studie von der europäischen Union über den demographischen Wandel, der zeigt, dass wir in Europa bis 2040 eine Umkehr in der Bevölkerungsstruktur haben werden. Wir werden, 60% über 60 Jahre haben. Und wir werden 40 % der Bevölkerung unter 60 Jahre haben. Ich sage dies nicht um irgendjemanden zu schrecken. Aber dieses Leben in dieser veränderten Gesellschaft wird nur dann „schön“, wenn wir uns jetzt überlegen, wie wir es uns „schön machen“. Und das müssen wir alle tun damit wir da vorsorgen. Wir müssen das hier tun in der Region, und wir müssen das auf Landesebene und auf Bundesebene und auf EU - Ebene tun, damit wir dort die gesetzlichen Rahmenbedingungen erzielen, die wir brauchen, damit wir hier in der Region so leben können, wie wir möchten - auch wenn wir Unterstützung bzw. Pflege benötigen sollten.

 

Das ist also mein Appell an die Region:

Setzen wir uns doch damit auseinander, wie wir das Leben haben wollen. Es liegt nicht auf der Hand, dass wir für ältere Menschen nur Wohnheime bauen können als Lösungsansatz und dabei vergessen, dass wir die anderen Rahmenbedingungen gestalten.

 

Es ist heute noch möglich, durch unsere inhaltliche und politische Arbeit sollten sich Konzepte entwickeln lassen. Das ist das erste Thema, das ich hier ansprechen möchte: Leben in der Zukunft mit einem großen Anteil älterer Bevölkerung und einem geringeren Anteil jüngerer Menschen. Viele Strukturen der Form des Zusammenlebens gibt es nicht mehr, die ein gemeinsames Leben von jüngeren und älteren Menschen von vornherein regeln. Wir müssen darüber nachdenken. Und wir müssen auch in einer anderen Art und Weise investieren als es von Dr. Kumpfmüller weltweit beschrieben wurde, denn das ist ein Bereich wo man mit Geld nicht alles regeln kann. Man kann schon auch mit Geld etwas machen; aber wer heute nicht in seine Beziehungen und in sein soziales Umfeld investiert, wird als alter Mensch alleine und einsam sein.

Leben mit Kindern

 

Ein zweiter Bereich, der in diesem Zusammenhang sehr wichtig ist, ist das Leben mit Kindern.

 

Es gibt viele Diskussionen, aber die sind teilweise sehr einseitig. Es gibt meistens nur einen Lösungsansatz. Bei den älteren Menschen haben wir die Wohnheime bei den Kindern haben wir die offenen Kindergärten.

 

Ich halte dies für eine sehr wichtige Diskussion, aber wieder sie ist zu einseitig. Wir brauchen Formen, die unserer heutigen Gesellschaft entsprechen, wie wir in der Region mit Kindern heute leben wollen, welche Möglichkeiten wir aufbauen wollen und wie wir uns diese Möglichkeiten auch leisten können.

 

Das sind also zwei ganz große Themen und dazwischen gibt es sehr viele Menschen, die ich hier in diesem Zusammenhang nicht Modernisierungsverlierer nennen möchte. Ich möchte hier die Personen nennen, die Schwierigkeiten haben, in einer Gesellschaft, in der kaum mehr etwas gleich bleibt ihre Identität zu sichern und gesund zu bleiben.

Da gehören viele Menschen dazu, die eine ganz normale Kindheit und Jugend durchlaufen haben und denen das Zentrum weg bricht, die psychisch krank werden und Unterstützung brauchen. Da gehören viele Personen mit Behinderung dazu, die auch Schwierigkeiten haben, in der sich ständig verändernden Welt, ihre Identität zu erhalten. Und noch andere Personen.

 

Hier gilt das Gleiche. Für diese Personen müssen wir einerseits die Diskussion führen, wie wir das Leben gestalten werden. Und wir müssen uns bewusst machen: In diese Lage können wir alle kommen.

 

Es gibt bewährte Modelle, diese Personen in Heime oder organisierte Betreuungsstätten zu bringen, das ist ein Punkt. Der andere ist; wie wollen wir mit diesen Personen leben. Das Europäische Sozialmodell wurde angesprochen: Wir müssen darüber reden, wie wir in Europa unser Sozialleben organisieren und nach welchen Werten wir es gestalten wollen.

Dienstleistungen als eine Voraussetzung

 

Zur Unterstützung des Lebens werden wir Dienstleistungen brauchen, soziale Dienstleistungen müssen in verschiedenen Bereichen des Lebens möglich sein. Und wir sehen heute in Europa 4 Aspekte dieser Dienstleistung, die erfüllt sein müssen. Dafür müssen wir politisch vorsorgen:

 

1. Dienstleistungen müssen leistbar sein:

Gerade im Zusammenhang mit einem Leben zu Hause stellt sich diese Frage. Das ist ein heißes Thema in Österreich Bei uns arbeiten ca. 40.000 Personen aus östlichen Nachbarländern, zu einem Teil unqualifizierte Personen, die die Sprache der Personen, die sie unterstützen bzw. pflegen, nicht bzw. schlecht sprechen. Trotzdem hat ihre Dienstleistung einen unschätzbaren Vorteil: Diese Personen sind rund um die Uhr da und zwar im eigenen Heim. Viele, auch verantwortliche PolitikerInnen und Personen aus der Verwaltung, nehmen diese Tatsache mit großem Unbehagen auf. Es gibt keine Diskussion darüber, wie wir Licht in diesen Graubereich bringen könnten.

2. Dienstleistungen müssen verfügbar sein:

Wir haben überall Wartelisten auf Dienstleistungen und gerade in einer Situation, wo ich Unterstützung brauche, wenn es mir schlecht geht, kann ich nicht warten, bis ein Platz frei wird. Wir müssen die Diskussion darüber führen, wie diese Verfügbarkeit gesichert wird.

3. Dienstleistungen müssen zugänglich sein:

Wenn Dienstleistungen verfügbar sind, aber niemand sie erreichen kann, weil sie nicht im Zentrum sind, wo die Menschen sind, nützen sie wenig.

4. Dienstleistungen müssen für die individuellen Bedürfnisse angepasst werden könnnen. Vom Anspruch ein Modell für alle zu haben, quasi der Konfektionskleidung, erheben wir heute Anspruch, maßgeschneiderte Dienstleistungen anbieten zu können. Und eines kann ich Ihnen sagen, maßgeschneiderte Dienstleistungen sind nicht teurer, sie sind eher billiger.

 

Das Leben findet hier statt

 

Um welche Bereiche geht es, für die wir unterstützende Dienstleistungen benötigen:

 

* ARBEIT und BESCHÄFTIGUNG

Wir haben Modelle entwickelt wie wir zum Beispiel Arbeiten, die ausgelagert werden aus anderen Firmen, in eigenen Betrieben verrichten. Wir nutzen Formen des Outsourcings und übernehmen Dienstleistungen in einer Firma, die behinderte Personen beschäftigt. Wir müssen aber in Bezug auf Arbeit ebenso danach trachten, dass sie die geeignete Qualifizierungsmöglichkeit für Personen mit Behinderung oder benachteiligte Personen bieten und dass wir auch im Umfeld dieser Personen, investieren müssen, dass sie selbstständig leben können. Das ist zeitweise eine hohe Investition, aber die zahlt sich aus, wenn die jungen Menschen ihr Leben in der Freizeit und mit ihrer Familie in die Hand bekommen.

* WOHNEN und LEBEN

Damit ist schon ein Hinweis gegeben, dass manche Personen auch Unterstützung benötigen, selbständiges Wohnen zu erlernen und ihr Leben in die Hand zu nehmen. Damit sind oft noch viele andere Problemstellungen verbunden, wie z.B. Leben mit Suchtproblematik, Leben mit psychischer Erkrankung, Leben mit Schulden, ...

* BILDUNG generell

Bildung in Kindergarten und Schule, lebenslanges Lernen, das alles gehört dazu. In diesen Bereichen werden benachteiligte Personen oft nicht berücksichtigt. Z.B. haben wir im Bildungssystem heute wieder Kinder, die die Schule nicht besuchen dürften und wir haben im Bereich des lebenslangen Lernens kaum geeignete Bildungsangebote für Personen, die kognitiv, dem was in diesem Bildungsinstitutionen üblicherweise angeboten wird, auch gewachsen sind.

* GESUNDHEIT an sich und psychische Gesundheit

Darüber nachzudenken, was es Menschen ermöglicht, aus der sicheren Position ihrer gesicherten Identität heraus auch flexibel sein zu können, ist wichtig. Wir erleben heute sehr oft, dass der Anspruch an Flexibilität alle Lebensbereiche erfasst. Etwa 40 % der Bevölkerung halten dies nicht mehr aus. Das ist ein Wahnsinn, den sich unsere Gesellschaft leistet und seiner Bevölkerung zumutet und der unerhörte Kosten im Gesundheitsbereich verursacht Wir investieren in diesem Bereich kaum in Vorbeugung und Prävention.

* Beherrschung neuer Technologien

Wir müssen in den Bereich neue Technologien für benachteiligte Personengruppen investieren, die Beherrschung dieser neuen Technologien ist wahrscheinlich die Zukunft und wird eine wesentliche Kulturtechnik sein.

* Den demographischen Wandel aktiv gestalten

Und nochmals: Wir müssen in die Entwicklung von Lösungen investieren, wie wir den beschriebenen demographischen Wandel gestalten können und nicht einfach auf uns zukommen lassen.

* Neue Finanzierungen

Und damit sind wir beim Punkt, wie wir das finanzieren können. Es geht dabei um die Entwicklung und Nutzung kreativer neuer Finanzierungsmodelle, aber auch um eine bessere, ökonomische Ausnutzung der bestehenden. Zum Beispiel ist es volkswirtschaftlich eigentlich nicht vertretbar, wie viel Geld heute im Sozial- und Gesundheitsbereich verschwendet wird, weil unterschiedliche Verwaltungsbereiche mit ihren Budgets nur auf sich schauen (müssen) und nicht zusammenarbeiten. Um für die betroffenen Personen „bessere“, weil nachhaltigere Lösungen zu entwickeln. Es wird oft nur in Bereiche investiert, die reparieren, nicht in solche, die stabilisieren und habilitieren.

 

Danke