Die Zeit drängt. Ein Aufbruch ist in Sicht. Rede v. Mag. Fery Berger

Rede anlässlich der Solidarpreisverleihung 2009

 

Das Video der Rede sehen sie hier

 

Die Zeit drängt

Ein Aufbruch ist in Sicht

Solidarpreisverleihung 09

27.11.2009, Forum Kloster Gleisdorf

Mag. Fery Berger_Initiator der Solidarregion Weiz

 

I.         Die Zeit drängt

1.         Übergang zu einem neuen Zeitalter

Haben Sie den Film „2012“ schon gesehen?

Am 21. Dezember 2012 endet der Mayakalender. Das war der Grund für Regisseur Roland Emmerich diesen Film zu drehen. Von Freunden weiß ich, dass in Mexiko nach dem 21. Dezember 2012 keine Veranstaltungen mehr geplant werden;  viele erwarten an diesem Tag den Weltuntergang. Ich glaube, dass auch die globalen Krisenszenarien in den nächsten Jahren bei vielen Menschen eine Weltuntergangsstimmung auslösen werden. Als nächstes kommt der Film „Der Antichrist“ in die Kinos. Zu denken gaben mir vor kurzem meine zwei Neffen; einer 12, der andere 14. Beide machten sich Gedanken, wie so ein Weltuntergang konkret vor sich gehen könnte.

Als Theologe haben solche Voraussagen für mich natürlich keine besondere Bedeutung, obgleich es für mich sicher ist, dass wir heute den sehr schnellen Übergang in ein neues Zeitalter erleben. Ein kritischer Blick auf unsere Gesellschaft zeigt das deutlich.

In den letzten 20 Jahren hat eine Revolution stattgefunden, deren Größenordnung wir uns alle wahrscheinlich noch nicht voll bewusst sind. 1989 ging friedvoll eine Weltmacht zu Ende. Solche Revolutionen gingen bis dahin in der Menschheitsgeschichte meistens mit verheerenden Kriegen einher. Zur selben Zeit begann der Aufstieg des Internets. Die Vernetzung der ganzen Welt geschieht in rasendem Tempo. Schon mehr als eine Milliarde Menschen sind heute am Schreibtisch miteinander verbunden. Die IT Revolution hat einen Prozess ausgelöst, den wir Globalisierung nennen. Diese Entwicklung bietet ungeheure Chancen für die Menschheit. Geichzeitig birgt die Globalisierung aber auch große Gefahren in sich. Auch die heutige Krise ist global. Alle historischen Krisen und Risiken waren bisher Teilrisiken und lokal begrenzt. Jetzt handelt es sich erstmals um eine globale Krise; eine Krise die nicht mehr steuerbar ist und die die gesamte Erde in ihrer Existenz bedroht. Aber, wir brauchen keine Weltuntergangsstimmung, wir brauchen eine Weltaufbruchsstimmung.

Die Zeit drängt.

2.         Klimakatastrophe

Die größte Gefahr kommt durch den Klimawandel auf uns zu. Laut UNO Klimarat bleiben uns noch sechs Jahre bis 2015 um die Klimaerwärmung auf 2 Grad Celsius zu beschränken. Wenn das nicht gelingt, kommt es zu einem Klimakollaps mit verheerenden Katastrophen.

Niemand kann mehr ernsthaft behaupten, dass sich das Klima ja schon immer verändert hätte und es schon nicht so tragisch sein werde. Der Abschlussbericht der von der UNO beauftragten 600 Wissenschafter spricht eine andere Sprache. Die sich global ausgebreitete Weltanschauung eines materialistischen Konsumismus des immer mehr und immer schneller, hat die Welt an den Rand dieser Katastrophe gebracht. Ein Kapitalismus westlicher Prägung, dessen Hauptziel die Gewinnmaximierung ist, hat unsere Erde ausgebeutet und vergiftet. Es ist eine Minute vor zwölf.

Die Zeit drängt!

 

3.         Finanz und Wirtschaftskrise

Die zweite globale Krise kam im letzten Jahr zum Ausbruch; die Finanz- und Wirtschaftskrise. Jetzt scheint zwar das Ärgste überwunden: Die Aktien steigen wieder. Die Manager bekommen wieder dieselben Bonuszahlungen wie zuvor. Der erwünschte wirtschaftliche  Aufschwung wird allseits beschworen, und er wäre ja auch zu wünschen. Viele Experten warnen aber vor einem voreiligen Optimismus. Ja, es gibt auch ganz andere Prognosen.

Von 1929 bis 1932 gab es zwei Aufschwünge an den Börsen bevor es zum endgültigen Crash kam. Klar ist, dass man auf die jetzige Krise anders reagiert hat als 1929.

Trotzdem, das Finanzsystem wurde bis jetzt nur reanimiert, nicht aber geheilt. Es kann auf Dauer nicht gut gehen, wenn nur 5 % der Finanztransaktionen weltweit durch Warenströme gedeckt sind. Milliardenschwere Konjunkturpakete wurden in diesem Jahr in die Wirtschaft gepumpt. Aber woher kommt das Geld? Es kann nur von den Steuerzahlern, dem Verkauf von Staatssilber oder den angeworfenen Gelddruckmaschinen kommen. Wenn nur ein kleiner Prozentsatz der Gläubiger ihr Geld von einem auf den anderen Tag zurückfordern würde, würde das System zusammenbrechen. Drohen also Hyperinflation und Geldentwertung?  Drohen soziale und politische Unruhen angesichts der hohen Arbeitslosigkeit? Drohen Extremismus und eine fundamentale Krise unserer Demokratien?

Auf jeden Fall gilt es ein Megaproblem zu lösen. Wir sitzen auf enormen Schulden. In Österreich hatten wir in den letzten Jahren noch eine Nettoverschuldung von 3 bis 6 Milliarden Euro pro Jahr. 2009 wird die Verschuldung auf 27 Milliarden Euro steigen. Die gesamten Staatsschulden Österreichs betragen dann 200 Milliarden Euro. Die gesamten Spareinlagen aller Österreicher betragen im Vergleich dazu nur 155 Milliarden Euro. Jeder von uns in der Steiermark ist mit 53.000 € verschuldet.

Sicher ist, dass unsere Kinder diese angehäuften enormen Schulden abbauen werden müssen. Wir leben auf Kosten unserer Kinder.

Die Zeit drängt!

 

4.         Bauern sterben

Würde es wirklich zu einem weiteren Finanzcrash kommen, müsste man auch einmal folgendes Szenario bedenken: Auch Lebensmittelhandelsketten könnten in Konkurs gehen. Durch die soziale Zuspitzung könnten Streiks die Warentransporte blockieren. Die Handelsketten haben keine Lagermöglichkeiten für Lebensmittel. Greisler gibt es kaum noch. Wie würden wir uns dann versorgen? Wie schaut es mit unserer regionalen Lebensmittelversorgung aus? Zugegeben, dieses Szenario scheint weit hergeholt zu sein.

Und trotzdem, es verweist auf ein weiteres großes Problem. Viele Bauern haben ihre Existenz verloren. Die Zahl der Bauern geht auch jetzt noch erschreckend zurück. Das Bauernsterben hat sich durch die Wirtschaftskrise stark beschleunigt.

Es gibt noch andere Gründe, dass wir alles nur Erdenkliche tun müssen, um das Bauernsterben zu verhindern. Es geht um unsere Kulturlandschaften. Wie werden die Almen einmal ausschauen ohne unsere Bergbauern? Es geht um unsere Gesundheit. Regionale Lebensmittel sind mit Sicherheit gesünder, als die oft künstlich hergestellten in unseren Supermärkten. Und es geht um unsere Umwelt. Die langen Transportwege der Lebensmittel für die Handelsketten verschmutzen die Umwelt.

Die Zeit drängt!

 

5.         Die soziale Frage

Durch die jetzige Weltwirtschaftskrise ist die Zahl der weltweit hungernden Menschen innerhalb eines Jahres von 500 Millionen auf über eine Milliarde gestiegen. Alle 5 Sekunden verhungert ein Kind. Stellen Sie sich das einmal bildlich vor! Wir erleben den eschrecklichsten Holocaust; und das am Beginn des dritten Jahrtausends. Die eine Hälfte der Menschheit leidet an Unterernährung, während die andere Hälfte mit dem Übergewicht kämpft. Wenn 5 Milliardäre gleich viel besitzen wie eine Milliarde Menschen zusammen, dann ist das sozialer Sprengstoff. Glauben wir wirklich, dass sich auch in diesem Jahrtausend 83% der Weltbevölkerung von den 13 % der weißen Weltbevölkerung werden bevormunden, unterdrücken und ausbeuten lassen? Glauben wir wirklich, dass sich die 2 Millionen Nordafrikaner – die mit allen Mitteln nach Europa wollen – auf Dauer davon werden abhalten lassen? Soll auch Europa damit beginnen neue Mauern zu bauen?

Laut dem ehemaligen amerikanischen Außenminister Henry Kissinger ist heute die Gefahr eines nuklearen Weltkrieges größer als zur Zeit des Kalten Krieges. Schon 12 Staaten besitzen Atomwaffen.

Gerade die weltweiten sozialen Ungerechtigkeiten erhöhen die Gefahr eines Atomkrieges. Die Gefahr erhöht sich auch durch mögliche Umweltkatastrophen und einen sich stark ausbreitenden islamischen  Fundamentalismus. Denken wir an den Iran, oder den Konflikt zwischen Pakistan und Indien.

Die soziale Ungerechtigkeit - die Schere zwischen Arm und Reich - geht auch in unserer westlichen Gesellschaft immer weiter auseinander. 78 der 700 Millionen Europäer sind arm. 1 Million

Österreicher lebt an der Armutsgrenze. 400.000 sind akut arm, d. h. sie haben nicht genug zum essen, und nicht genug zu Heizen. Ein kaputtes Haushaltsgerät kann für sie zum endgültigen finanziellen Ruin führen. Die sozialen Herausforderungen bei uns sind riesig! Wie finanzieren wir in Zukunft unsere Pensionen? Die Lebenserwartung steigt ständig. Hat unser Staat 1970 durchschnittlich pro Bürger für 13 Jahre die Pension ausbezahlt, so waren es heuer schon 27 Jahre.

Psychische Krankheiten nehmen zu. Durch unsere verkehrte Lebensweise ist Burnout zu einer Volkskrankheit geworden. Was kostet das unseren Sozialstaat? Die Sozialbudgets geraten außer Kontrolle; sie bringen viele unserer Gemeinden an den Rand der Zahlungsunfähigkeit. 180 der 500 steirischen Gemeinden bilanzieren jetzt schon negativ und diese Zahl wird sich rapid erhöhen.

In diesem Zusammenhang möchte ich mich auch an unsere Politiker wenden. Ich bin der letzte, der in eine allgemeine Politikerschelte einstimmt. Zu gut weiß ich, welch enormer Stress und welche Verantwortung es ist, heute Politiker zu sein. Ganz abgesehen davon, dass sie im Vergleich mit Managern in der Wirtschaft gar nicht so viel verdienen. Noch im letzten Jahr hat ein steirischer Manager 35 Mal soviel verdient wie der österreichische Bundeskanzler. Und dennoch: Mit Schaudern denke ich zurück an die Nationalratssitzung vor der letzten Wahl. 4 Milliarden Euro wurden da in einer einzigen Sitzung an Wahlzuckerln verteilt. Wir Wähler werden für dumm verkauft. Was wir brauchen sind Politiker mit Verantwortung. Ein steirischer Politiker auf oberster Ebene hat vor kurzem in einem vertraulichen Gespräch gesagt: „60 % der Energie werden in der steirischen Politik dafür verwendet, den anderen zu blockieren“. Wir können uns dieses parteipolitische Gezänk heute nicht mehr leisten. Auch in unserer Region sind wir davon nicht gefeit. Könnten sich die Parteien in unserer Region nicht dadurch auszeichnen, dass sie die besten Ideen - von wem immer sie auch kommen – gemeinsam umsetzen?

Die Zeit drängt!

6.         Geistig-spirituelle Krise

Ich sehe hinter all diesen Krisen eine fundamentale geistig-spirituelle Krise. Unsere materialistische Weltanschauung hat die Gesellschaft entsolidarisiert. Ein Leben unter verschlossenem Himmel - ohne spirituelle Perspektiven - erzeugt sehr oft Stress. Es ist der Zwang in diesem kurzen Leben von vielleicht 90  Jahren alles Glück dieser Welt anhäufen zu müssen. Sehr oft führt das zu egoistischem Handeln, zu einem Leben nach dem Dschungelgesetz: Der Stärkere setzt sich durch. Warum sollte ich mich für den anderen engagieren? Warum sollten für mich die von unserer Gesellschaft an den Rand Gedrängten ein Anliegen sein?

Bitte verstehen Sie diese Worte aus dem Mund eines Theologen nicht als eine Werbemaßnahme, um unsere Kirchen wieder zu füllen. Verstehen Sie das Gesagte als einen Versuch hinter die Kulissen vieler unserer Probleme zu blicken. Warum leiden so viele Menschen an Sinnlosigkeit? Warum ist für so viele junge Menschen Haschisch oder Cannabis zu einer selbstverständlichen Ausgehdroge geworden? Warum diese Alkoholexzesse? Warum scheitern so viele Beziehungen? Warum haben wir in unserem Land seit vielen Jahren eine so hohe Selbstmordrate?

Ein depressiver Schleier hat sich über unsere Seelen gelegt.

Die Zeit drängt!

7.         Kein Aufbruch

Peter Handke - einer der aufmerksamsten Schriftsteller unserer Zeit - bringt unsere Lebensweise auf den Punkt: „Der Überfluss, in dem wir doch leben, bringt überhaupt keine Phantasie mehr zustande.

Nicht nur, dass er keine Phantasie zustande bringt, er erzeugt überhaupt keine Vorstellung von Verbundenheit mehr, oder von Aufbruch…

Es gibt den anderen nicht mehr. Der andere ist im Anderland…Was für Monster wir Ich´s ohne den anderen doch geworden sind.“

II.        Ein Aufbruch ist in Sicht

„Es gibt keinen Aufbruch“. Gibt es wirklich keinen?

Zuminderst bei uns - im Blick auf unsere Region - komme ich zu einem anderen Schluss. Es gibt einen Aufbruch. Er ist bis jetzt zwar regional begrenzt. Aber das Regionale wirkt sich auf das Globale aus. Das Regionale kann sehr schnell global werden. Wo sehe ich also diesen Aufbruch bei uns?

 

1.         Innovative Wirtschaftsregion

Die Region Weiz/Gleisdorf ist geprägt von einer starken Industrie und von großen mittelständischen Familienbetrieben. Auch jetzt in der Zeit der Weltwirtschaftskrise stehen wir im Vergleich zu anderen Regionen noch gut da. Wir haben einen vergleichsweise hohen Beschäftigungsstand in der Industrie. Vor allem die mittelständischen Familienbetriebe erweisen sich in dieser Zeit als besonders wichtig. Sie denken in Generationen: Nicht der schnelle Gewinn steht im Vordergrund, sondern die Verantwortung für die Region steht im Mittelpunkt ihres unternehmerischen Handelns. Wichtig ist, dass wir uns wirtschaftlich auf neue zukunftsträchtige Gebiete begeben. Und gerade da sehe ich voll Zuversicht in die Zukunft. Es gibt bei uns sehr viele junge UnternehmerInnen mit innovativen Ideen.

Ein Aufbruch ist in Sicht!

Sie erinnern sich sicher an das erste Projekt der Solidarregion, das „Solidarsparbuch und den Solidarkredit“. Die Volksbanken und Raiffeisenbanken unserer Region verzichten bei Krediten auf 2% des Bankenaufschlags, die Anleger auf 1 % der Zinsen. Mit dem Geld können günstige Kredite an Unternehmen vergeben werden, die Arbeitslose über 50 Jahre und WiedereinsteigerInnen beschäftigen. Bis Brüssel hat dieses Projekt Aufmerksamkeit erregt.

Was unsere Region seit langem besonders auszeichnet, ist die niedrige Arbeitslosigkeit. Seit vielen Jahren sind wir da Spitzenreiter sowohl in der Steiermark als auch in ganz Österreich. Mit einer Gesamtarbeitslosenquote von 3,4%  im Monat Oktober weist der Bezirk Weiz nach wie vor die niedrigste Arbeitslosenquote in der Steiermark auf. Österreichweit befinden wir uns an der vierten Stelle, hinter drei Regionen aus Oberösterreich.

Aber auch auf uns kommen jetzt schwere Zeiten zu. Die nächsten zwei Jahre werden sehr schwierig. Es wird befürchtet, dass die Arbeitslosenzahl in Österreich im nächsten Jahr von derzeit 320.000 auf 400.000 ansteigen könnte. Auch wenn wir in unserer Region mit guten Zahlen aufwarten können, dürfen wir nicht vergessen, dass hinter jeder Zahl ein Mensch mit einem persönlichen, leidvollen Schicksal steht.

 

2.         Regionale Lebensmittelversorgung

Auch unter den Bauern bemerke ich erste leise Zeichen eines Aufbruchs. Vor kurzem haben dreizehn junge Landwirte die Initiative „Von Herzen Biobauern“ gegründet. Zwanzig Direktvermarkter haben sich im letzten Monat zur Initiative „Schritt für Schritt“ zusammen getan. In Weiz gibt es die Initiative „Levi“, eine Lebensmittel-Erzeuger-Verbraucher-Initiative, die einen regionalen Internet Marktführer entwickelt hat. In allen neu gegründeten Kleinregionen gibt es bereits Bauernmärkte. Mit der Landwirtschaftskammer zusammen organisieren wir von der Solidarregion aus für den kommenden Mai wieder eine Großveranstaltung zum Anliegen der regionalen Lebensmittelversorgung. Von einer Maturaprojektgruppe wurde jetzt gerade eine Studie zur regionalen Lebensmittelversorgung durchgeführt. Eines der wichtigsten Ergebnisse ist, dass die Bereitschaft der Konsumenten in unserer Region regionale Lebensmittel zu kaufen, in den letzten Jahren stark gestiegen ist.

Ein Aufbruch ist in Sicht!

 

3.         Region mit sozialer Wärme

In diesen Tagen feiert die Chance B ihr 20- jähriges Bestehen; ein Unternehmen, das zu einem Aushängeschild und zur Marke für unsere Region geworden ist. Unsere Region steht für soziale Innovation auf allen Gebieten. Neben der Chance B denke ich da auch an Vereine wie „Christina lebt“ oder „Chiara“ und an viele andere Initiativen. Haben Sie zum Beispiel schon vom Projekt „Zwei Systeme eine Welt“ gehört, wo es um das gute Zusammenleben in bäuerlichen Familienbetrieben geht? Oder haben Sie schon vom zukunftsweisenden Projekt „Tagesgarten der Begegnung“ in Krottendorf gehört, das bald eröffnet werden soll? Auf einem rundum erneuerten Bauernhof werden Senioren betreut werden. Das Konzept hat einen ganz neuen, präventiven Ansatz. Die Gesundheit und Selbstständigkeit alter Menschen stehen dabei besonders im Mittelpunkt.

Ein Aufbruch ist in Sicht

Unsere Region ist eine Region mit sozialer Wärme. Aber ist sie das wirklich?

Zwei Gespräche haben mich in letzter Zeit erschüttert. Ich habe unabhängig voneinander zwei Afrikanerinnen, die schon seit einigen Jahren mit ihren Familien bei uns leben, gefragt: Wenn Sie durch unsere Stadt gehen. Was ist Ihr Eindruck? Wie viele der Menschen begegnen ihnen freundlich?

Beide haben einhellig geantwortet: „3 Prozent“. Das ist für mich ein Skandal. Ich bin natürlich kein blauäugiger Idealist, wenn es darum geht all die Schwierigkeiten zu sehen, die mit der Migration zusammenhängen. Aber, wo bitte ist da unsere gute alte Tradition der Gastfreundschaft geblieben?

Eines der erstaunlichsten Projekte geht von unseren Bürgermeistern aus. Zusammen mit unserem Bezirkshauptmann haben sie sich auf das Projekt „SolidarEuro“ geeinigt. In Zukunft werden alle 54 Gemeinden des Bezirkes Weiz pro Einwohner 1 Euro pro Jahr aufbringen. Und das Erstaunliche dabei ist, dass man die Hälfte der 80.000 €.- für ein Menschenrechtsprojekt des steirischen Gefängnisseelsorgers Günther Zgubic in Brasilien zur Verfügung stellt. Die andere Hälfte wird für soziale Projekte in der Region verwendet. Auch in Zeiten der Krise denkt unsere Region über die Grenzen unseres Kontinentes hinaus. Ich bin sicher, dass dieses Projekt Österreich weit Aufsehen erregen wird. Wir sind damit die erste Region Österreichs, die auf politischer Ebene ein Budget für die Entwicklungszusammenarbeit zur Verfügung stellt. Auf Bundesebene liegt man seit Jahren erschreckend hinter der Verpflichtung der 0,7 % des Bruttonationalproduktes zurück. Auf Landesebene gibt es überhaupt nur in wenigen Bundesländern ein eigenes Budget dafür. Dass es unseren Bürgermeistern gelungen ist, dieses Projekt auf die Beine zu stellen, veranlasst mich, mit Überzeugung zu sagen:

Ein Aufbruch ist in Sicht!

 

4.         Energieautarke Region

Diesen Aufbruch gibt es auch auf dem Gebiet der Ökologie.

Die Oststeiermark zeichnet sich seit vielen Jahren durch ein vorbildliches ökologisches Engagement aus. Ich erwähne nur die Pionierarbeit der „Arge Erneuerbare Energie“. Die Städte Weiz und Gleisdorf sind Vorreiter in vielen ökologischen Bereichen. Die vielen nationalen und internationalen Preise für ökologische Projekte aus unserer Region sprechen eine eindeutige Sprache. In der Oststeiermark gab es Österreich weit die ersten Selbstbaugruppen für thermische Solarkollektoren. Die Steiermark liegt bei der Innovationskraft für Umwelttechnologien im Spitzenfeld Europas

Wussten Sie, dass sich in unserer Region eines der weltweit größten Unternehmen im Biomassebereich befindet? Es ist die KWB in St. Margarethen. Sie verfügt auch über das weltweit größte private Entwicklungszentrum für Biomasse. All das ist sehr hoffnungsvoll.

Ein Aufbruch ist in Sicht!

Österreich weit sieht es aber anders aus. Österreich ist das einzige der alten Länder Europas, das die Kyoto - Klimaziele nicht erreichen wird. Wenn man an die letzte Förderungsaktion für Photovoltaik denkt, zweifelt man an der Ernsthaftigkeit der Klimapolitik in Österreich. Wenn innerhalb weniger Minuten der Fördertopf geleert ist und man die Bereitschaft so vieler Österreicher - persönlich viel Geld in den Klimaschutz zu investieren - von Staatsseite nicht als große Gelegenheit ergreift, dann fragt man sich wirklich: Was sind die Gründe dafür? Sind es die starken Lobbys von Teilen der Industrie und der Energiewirtschaft?

Vom 7. bis 18. Dezember findet der Klimagipfel in Kopenhagen statt. So wie es jetzt ausschaut, wird das ganze aber wieder zu einem Fiasko werden. Es wird keine verbindlichen Klimavereinbarungen geben. In China haben sich Staatschefs darauf geeinigt, sich beim Gipfel in Kopenhagen nicht zu einigen. Man wird die überlebensnotwendigen konkreten Beschlüsse wieder vertagen. Der in diesen Tagen veröffentlichte Klimabericht von 26 internationalen Experten zeichnet ein Horrorszenario: Die jetzigen Beobachtungen übertreffen die schlimmsten bisherigen Prognosen. Der Eisverlust in den

Sommermonaten 2007 bis 2009 war um 40% größer als der Mittelwert der Vorhersagen. Hunderte Eisberge haben sich nach Behördenangaben aus dem Eis der Antarktis gelöst. In Kenntnis der neuesten Daten prognostizieren die Wissenschafter bis 2100 einen um ein bis zwei Meter höheren Wasserstand der Weltmeere. Die Treibhausgase müssen auf Null heruntergefahren werden.

In Kopenhagen wird sich das Schicksal unseres Planeten mitentscheiden.

Der letztmögliche Zeitpunkt für eine Klimawende ist gekommen.

Die Zeit der Ankündigungen und vagen Zusagen ist vorbei. Jetzt muss gehandelt werden; auch in Österreich. Wir brauchen einen Notfallsplan. Nicht mehr auszuhalten sind die beschwichtigenden Aussagen heimischer Politiker.

Gehandelt muss aber auch an der Basis werden. Auch die Regionen sind gefragt. Verführerisch ist die Vorstellung, dass man sowieso nichts tun kann und alles nach oben delegiert. Ohne das konkrete Mittun an der Basis werden die besten Beschlüsse auf Staatenebene nichts nützen.

5.         10 Milliarden Klimarettungspaket und Regionaler Klimagipfel

Als Solidarregion Weiz möchten wir diese Gelegenheit nützen, um einen Appell an unsere Bundesregierung zu richten: Wir fordern für Österreich ein „10 Milliarden Klimarettungspaket“ für die Jahre 2010 bis 2015. Mit „100% eigene Energie für Österreich“ liegt ein fertiges Konzept auf dem Tisch. Bei einer Förderhöhe von 40% für Private, Unternehmen, Landwirte und Gemeinden bekäme der Staat 13 Milliarden Euro an Abgaben und Steuern wieder zurück. Zugleich würden 22.000 Arbeitsplätze neu geschaffen und nach den fünf Jahren 54.000 Dauerarbeitsplätze bestehen bleiben.

Aber wir möchten nicht nur etwas fordern. Wir möchten auch selbst etwas tun:

Wir schlagen für die Region Oststeiermark einen „regionalen Klimagipfel“ für 2010 vor.

Was meinen wir konkret damit? Alle wesentlichen politischen Verantwortungsträger unserer Region sollen sich mit Experten und Engagierten an einen Tisch setzen. Gemeinsam müssen wir uns auf ein konkretes Klimaziel für unsere Region einigen.

Nach eingehender Beratung mit zwei der international renommiertesten Klimaexperten  unseres Landes – Univ. Prof. Dr. Helga Kromp-Kolb und Univ. Prof. Dr. Stefan Schleicher – schlagen wir eine

50 %- ige Reduktion des Energieverbrauches in unserer Region bis 2020 vor.

Das ist sehr ambitioniert. Es ist aber notwendig. Was die Gemeinde Kaindorf schafft, müssen wir in der ganzen Region schaffen. Eine enorme Kraftanstrengung wird notwendig sein. Aber denken wir daran, was unsere Eltern und Großeltern nach dem Krieg geleistet haben. Unmögliches wird möglich, wenn alle zusammenhalten. Diese Kraftanstrengung wird unserer Region enorme wirtschaftliche Impulse bringen. Am wichtigsten wird bei einem solchen Klimagipfel sein, dass es nicht bei Absichtserklärungen bleibt, sondern dass es konkrete Beschlüsse und Selbstverpflichtungen gibt. Im Vorfeld brauchen wir eine breit angelegte Informations- und Motivationskampagne, dass alle Menschen unserer Region in diesen Gipfel miteinbezogen werden. Wenn man sich auf oberster Staatenebene in Kopenhagen wirklich nicht auf verbindliche Klimabeschlüsse einigen kann, dann müssen wir an der Basis damit beginnen und mit gutem Beispiel voran gehen. Stellen Sie sich vor, viele Regionen in Österreich würden sich dieser Idee anschließen. Das könnte wirklich von der Basis aus etwas auslösen. Und kamen nicht meistens in der Geschichte die großen gesellschaftlichen Erneuerungen von der Basis?

Ein Aufbruch ist  in Sicht!

Ich möchte von hier aus die neu gewählten politischen Verantwortungsträger der heute gegründeten Großregion „Oststeiermark“ zu einem Gespräch über diesen Vorschlag einladen. Wichtige Pioniergestalten auf ökologischem Gebiet in unserer Region haben sich bereit erklärt, all ihr Know-how zur Verfügung zu stellen und sich für diesen Klimagipfel zu engagieren.

Mit einem solchen Regionalen Klimagipfel würde klar, dass das Klimaproblem nicht allein von den Staatschefs in Kopenhagen gelöst werden kann. Gleich wichtig ist das Handeln jeder und jedes einzelnen von uns und das Engagement jeder Region. Es geht um die Zukunft unseres Planeten. Es geht um die Zukunft unserer Jugend.

 

6.         Appell an die Jugend

Und so möchte ich mich am Schluss meiner Rede noch an Euch, liebe Jugendliche, wenden:

Unsere Generation hat es Euch nicht leicht gemacht. Wir hinterlassen Euch eine Welt, die - wie nie zuvor in der Geschichte – als ganze, bedroht ist.

Eine Welt, die kurz vor einer Klimakatastrophe steht.

Eine Welt, die durch einen einzigen Knopfdruck in einem der zahlreichen Atomarsenalen ausgelöscht werden kann.

Eine Welt, in der alle fünf Sekunden ein Kind verhungert.

Eine Welt, mit der größten Finanzblase aller Zeiten.

Viele von Euch fühlen sich allein gelassen durch Eltern, die ihre Zeit einem falschen Konsum und Karrieredenken opfern.

Viele von Euch empfinden das Leben als sinnlos.

Viele von Euch leben ohne Perspektiven für die Zukunft.

„Wir müssen uns um die Jugend kümmern, denn die Jugend ist unsere Zukunft“. Diesen Satz hört man sehr oft. Ich halte ihn für falsch. Ihr seid nicht automatisch die Zukunft. Ihr seid nicht die Zukunft, wenn ihr unsere verkehrte Lebensweise noch verkehrter weiterlebt.

Zukunft seid ihr, wenn ihr aus unseren Fehlern lernt.

Zukunft seid ihr, wenn ihr all die ungeheuren Chancen aufgreift, die unsere Zeit auch bietet.

Zukunft seid ihr, wenn ihr euch zusammentut und euch ganz konkret für etwas engagiert.

7.         Ein Aufbruch

Die Zeit schreit nach konkretem Tun. Nicht nur die Jugend. Wir alle sind aufgerufen zu konkretem Engagement; jeder nach seinen Möglichkeiten. Handeln ist jetzt angesagt.

Und so möchte ich mit Peter Handke schließen:

Machen wir unsere Region zu einem „Miteinander-Land“!

Ein Aufbruch ist in Sicht!