Grundsatzartikel, Jänner 2005
Der Begriff „Globalisierung“
1961 erscheint zum ersten Mal das Wort „Globalisierung“ in einem englischsprachigen Lexikon. Als Globus wird die Erdkugel bezeichnet. Global bedeutet weltumspannend. Die neue Informations-technologie, allem voran das Fernsehen, löst in der Menschheitsgeschichte eine neue Entwicklung aus. Bis heute beschleunigt sich dieser Prozess. Globalisierung bezeichnet einen mehrdimensionalen Prozess der Zunahme von transnationalen, wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Beziehungen. Der aus der Ökonomie und Soziologie stammende Begriff „Globalisierung“ beherrscht nach 1989, dem Jahr der Wende in Osteuropa, immer stärker die öffentliche Diskussion.
Globalisierung als eine der größten Chancen der Menschheit
Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte entsteht die Möglichkeit, dass alle Menschen auch praktisch immer näher zusammenrücken können. Ich gehe in mein Büro und bin per Internet, Skype oder E-mail mit der ganzen Welt verbunden. Die Welt als eine „Menschheitsfamilie“ kommt in den Blickpunkt. Wir sitzen alle in einem Boot. Was Babel getrennt hat, was zu Pfingsten wieder zusammengeführt wurde, könnte in der Realität der Menschen immer stärker und praktischer erfahrbar werden.
In eine völlig verkehrte Richtung
Die Globalisierung realisiert sich zuerst vor allem in der Wirtschaft. Die neuen Möglichkeiten des Verkehrs und der Telekommunikation eröffnen ungeahnte Möglichkeiten. Von den modernen technologischen Entwicklungen profitieren zuallererst die ökonomischen Eliten. Globalisierung wird zu einem Werkzeug der Neoliberalen Marktwirtschaft.
Durch die Globalisierung gibt es auch den freien Kapitalverkehr. Weniger als 10 % aller Kapitalströme liegt jedoch ein echter Gütertausch zu Grunde, mehr als 90 % stellt reine Finanzspekulation dar. Zurzeit befindet sich nur mehr 5% des weltweiten Kapitals im Warenhandel, 95% in spontanen Finanzspekulationen. Von all diesen neuen Entwicklungen profitieren natürlich in erster Linie die reichen Staaten Europas und die USA, sowie die reiche Elite weltweit. Der laufende Prozess bewirkt, dass ein immer kleinerer Teil der Menschen in immer kürzerer Zeit immer mehr an Geld, Macht und Einfluss gewinnt, während ein immer größerer Teil immer schneller all das verliert. Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer. Die Starken werden stärker, die Schwachen schwächer. Die Schere der Einkommensverteilung geht immer weiter auseinander, sowohl in unseren wirtschaftlich hoch entwickelten Ländern, als auch weltweit. Globalisierung als die Chance die Menschheit zusammenzuführen, entwickelt sich zu ihrem Gegenteil. Sie spaltet die Menschheit in Arm und Reich.
Nur 500 Millionen Menschen leben in demselben Wohlstand wie wir in Österreich. Wie lange lassen sich die anderen 6 Milliarden Menschen von unseren Futtertrögen aussperren?
Die globale Krise
Vor allem im sozialen Bereich tut sich ein Abgrund auf. Folgende Zahlen dringen schon oft nicht mehr an unser Ohr. Trotzdem sie sind leider richtig: 30.000 Menschen verhungern täglich in der Welt; 24.000 davon sind Kinder. Zählt man noch die hinzu, die an den Folgen von Hunger sterben, sind es täglich 100.000 Menschen. Täglich stirbt fast die Hälfte der 240.000 Einwohner von Graz an Hunger und seinen Folgen, während in Wien täglich mehr Brot weggeworfen wird, als man in Graz an einem Tag verbraucht.
Zurzeit müssen in der Welt noch mehr als eine Milliarde Menschen mit weniger als einem Dollar Einkommen pro Tag auskommen. In Österreich sind eine Million Menschen von Armut bedroht. Die soziale Schere driftet sowohl weltweit, als auch national immer weiter auseinander.
Die Global Marschall Plan Initiative hat berechnet, dass 100 Milliarden Dollar jährlich genügen würden, um die Armut bis 2015 weltweit zu halbieren. Allein die USA geben jährlich 450 Milliarden Dollar für Rüstung aus, den Irakkrieg nicht mit eingerechnet. 1000 Milliarden Dollar betragen jährlich weltweit die Rüstungsausgaben.
Die ökologische Krise liegt auf der Hand und wird auch ständig realer erfahrbar. Die Klimaerwärmung, all die Hurricans, Hochwasserkatastrophen und abgeschmolzenen Gletscher können nun doch nicht mehr nur als Zufall bezeichnet werden. Die Staus auf unseren Straßen verursacht insbesondere durch den Transitverkehr werden zur täglichen Erfahrung. Im Amazonasgebiet Brasiliens ist inzwischen zweimal die Fläche Österreichs gebrandrodet. Der größte Zufluss des Amazonas hat nur mehr eine Wassertiefe von 78 Zentimeter. Vorher war dieser 13,5 Meter tief. Entlang dieses Flusses muss mitten im Amazonasgebiet Wasser eingeführt werden. Das Weltklima wird dadurch stark beeinträchtigt. Die weiten Flächen werden mit Sojabohnen aufgepflanzt, nur damit das hoch verschuldete Brasilien hohe Exportgewinne zur Abdeckung seiner Schulden erzielen kann. Die Sojabohnen werden billigst nach Europa exportiert. Als Höhepunkt der ökologischen Perversion pulvert die Weltgemeinschaft Milliarden an Dollar in die Agrarindustrie Brasiliens um das Tropengebiet mit Asphaltstraßen für den Abtransport des Holzes zu zubetonieren. Kann man nur Brasilien die Schuld dafür geben, wenn dieser Staat jährlich 51 Milliarden Dollar an Schulden zurückzuzahlen hat und das Geld für Sozialausgaben fehlt?
Gut 200 Jahre haben wir im Westen ein Fest gefeiert auf Kosten des verarmten und ausgebeuteten Südens. Jetzt ändert sich aber die Situation. Immer mehr Arbeitsplätze sind in unserem eigenen Land gefährdet. In Österreich steigt die Zahl der Arbeitslosen ständig. Die nationalen Regierungen stehen allein oft machtlos diesen Entwicklungen gegenüber. Wirtschaftsstandorte werden in den Osten verlagert. Viele zeichnen für die Zukunft das Schreckgespenst der wirtschaftlichen Supermacht China. Die Produktion wird in Länder wie China und Indien ausgelagert. Dort wird ohne soziale und ökologische Standards billig fabriziert, bei uns fehlen die Arbeitsplätze. Seit den 70-er Jahren ist Arbeitslosigkeit in Europa zu einem fast unlösbaren Problem geworden. Eine wirtschaftliche Krise zeichnet sich ab. Ein Anzug, der bei uns 700 € kostet, kostet in China 10 €. Wer sagt, dass nicht auch die Chinesen ein Anrecht auf unseren Wohlstand haben? Aus der Geschichte wissen wir, dass Adolf Hitler an die Macht kam, weil die Arbeitslosigkeit in Deutschland zwischen 1929 und 1932 enorm anstieg. Arbeitslosigkeit ist der Nährboden für jede Form der Radikalisierung. Die größte Gefahr, die davon ausgeht, ist die des Krieges.
Die eigentliche Ursache all unserer Krisen ist eine geistig-spirituelle. Die alles überwuchernde Lebenseinstellung bei uns im Westen ist das immer mehr, das immer schneller. Die materiellen Werte beherrschen alles; das Zweitauto, der Dritturlaub, das Amüsement ohne Schranken. Wie gefesselt fühlen sich viele ZeitgenossenInnen. Unser Wohlstand ist schwer erkauft. Viele Menschen sind orientierungslos, psychisch-obdachlos, sehen alles als sinnlos und sind sich oft selbst los. Das daraus abgeleitete Wirtschaftssystem beruht auf dem Dschungelgesetz des Fressens und Gefressenwerdens. Der Stärkere
setzt sich durch, der Größere wird noch größer. Gegenbewegungen wie der Megatrend „Respiritualisierung“ bestätigen diese Entwicklung. Alle Religionen und spirituellen Traditionen setzen im Kopf und im Herzen des Menschen an. So ging es dem Mann aus Nazareth, z. B. um eine Umwertung
aller Werte. Genau das ist heute notwendig. Wenn es nicht gelingt geistig, spirituelle Werte wieder zu reanimieren oder neu zu entdecken, scheint ein Global Crash für sehr wahrscheinlich. Diese Zivilisationskritik darf nicht falsch verstanden werden als ein Zurück zum Vorgestern, als Weltabschwörung und Zwangsaskese. Nein, gerade ein Hindurch, ein ideeller Quantensprung nach vorne, ist nötig. Diese Kritik darf auch nicht dafür dienen um Panik und Angst auszulösen. Vor allem die Vermittlung von Zuversicht und Mut bringen uns weiter.
Solidarregion Weiz. Initiative für eine Globalisierung an der Basis
Sehr viele wichtige Veränderungen in der Menschheitsgeschichte gingen von der Basis aus. Die Weizer Pfingstvision versteht sich als eine spirituell-solidarische Basisbewegung. Bei einer vorweihnachtlichen Kundgebung am 22. Dezember 2005 wurde in Weiz diese neue Initiative der Öffentlichkeit vorgestellt. Nicht eine enge innerkirchliche Aktion, nein eine alle Grenzen überschreitende Sammelbewegung ist das Ziel dieses neuen Projektes. Diese Initiative ist überparteilich und überkonfessionell und wendet sich an alle Menschen in der Region Weiz. Der „Solidarregion Weiz“ geht es um Bewusstseinsbildung und darum, all die Herausforderungen der Globalisierung an die Basis herunter zu brechen. Es geht darum alle Gesellschaftsschichten einer Region zu vernetzen und in Basisprozessen konkrete Handlungsschritte zu erarbeiten. Ganz konkrete Ideen wurden bei dieser Startveranstaltung von direkt Betroffenen ausgesprochen. Das war der Beginn eines offenen Prozesses.
MAG. FERY BERGER
LEITER UND KOORDINATOR DER WEIZER PFINGSTVISION